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Die Geschichte des Bremer Domchores

Dr. Götz Ruempler

 

Die Geschichte bis ins 19. Jahrhundert

Heinrich Kurth (1856-1872)

Carl Reinthaler (1872-1893)

Eduard Nößler, 1893 - 1930

Richard Liesche, 1930 - 1957

Wilhelm Evers, 1957 - 1958

Hans Heintze, 1958 - 1975

Wolfgang Helbich, 1976 - 2008

Tobias Gravenhorst – seit 2008

 

Seit fast 1000 Jahren wird am Bremer Dom
nach Noten gesungen


Frisia non cantat - in Norddeutschland singt man nicht! Woher dieser lateinische Ausspruch stammt, ist nicht bekannt. Tacitus war es jedenfalls nicht, der sich in seiner “Germania” über die germanischen Stämme, auch über die “Friesen”, also die Nordländer, im einzelnen geäußert hat.

Nun, für Bremen trifft dieser Spruch keinesfalls zu - auch nicht nur für die letzten 150 Jahre, seit es den Bremer Domchor gibt! Immerhin hat der Bremer Musikhistoriker Dr. Klaus Blum  (1919 -1988) nachweisen können, dass an der Domschule des Erzbistums Bremen schon seit  dem Lehrer “Guido”, also etwa seit 1035, nach Noten gesungen wurde (BLUM 1987)! Wäre dies allein schon erwähnenswert, so wird es aber - musikalisch gesehen - noch interessanter:

Um die für die römisch-katholische Kirche vorgeschriebenen liturgischen Gesänge zu ordnen, aufzuschreiben und an alle Kirchen weitergeben zu können, “erfand” der Abt Guido von Arezzo (etwa 991 bis 1033) in Pomposa bei Ferrara  (Nordostitalien) ein Notensystem aus vier, fünf oder mehr Linien, auf bzw. zwischen denen bestimmte Töne als “Tupfer”, dicke Punkte oder Kurzstriche liegen, aus denen sich Tonhöhen und Tonabstände ersehen lassen.

Um das Jahr 1025  wanderten mehrere Schüler des Abtes Guido nach Norden und kamen über Frankreich und die Normandie nach England. Der Bremer Erzbischof Hermann (1032 bis 1035) hörte davon und berief einen dieser Guido-Schüler nach Bremen. Der mittelalterliche Geschichtsschreiber Adam von Bremen berichtet, dass dieser “Guido” - also ein Schüler des italienischen Abtes - die neue Methode an der Domschule einführte und damit das Absingen der liturgischen Gesänge wesentlich verbesserte.

Ohne hier auf die etwas komplizierten Zusammenhänge näher einzugehen (das kann bei Klaus BLUM, 1987, nachgelesen werden), steht heute so viel fest: Der Bremer Dom als Mutterkirche des Erzbistums Hamburg-Bremen war eine der ersten, vielleicht sogar die erste Kirche in Deutschland, in der nach dem Guidonischen System gesungen wurde. Seit 1035 konnte man die hier üblichen Gesänge aufschreiben, und es war mit Hilfe dieses Systems möglich, auch mehrstimmig nach dem Organum oder nach dem Discantus zu singen, wie es zur selben Zeit in England und kurz danach auch in Frankreich gehandhabt wurde. Man darf also ohne Übertreibung feststellen, dass am Bremer Dom seit 970 Jahren “nach Noten” gesungen wurde und  dass Bremen damit eine der ersten Städte in Deutschland
 war, in der mit mehrstimmigen Gesängen Musik gemacht wurde.

Nach der Reformation blieb der Dom 77 Jahre lang geschlossen, und erst 1638 wurde er als evangelisch-lutherische Kirche wieder geöffnet. So kann sich erst ziemlich spät ein kirchenmusikalisches Leben in protestantischer Tradition herausbilden. Erst 1642 wird Christoph Hasselbach von der Universität Helmstedt  als Domkantor berufen, der zunächst einmal “die erzbischöflich-lutherische Capelle” gründet, sozusagen  das erste Domkammerorchester, das aus sechs fest angestellten Musikern besteht und gelegentlich durch einzelne Ratsmusikanten verstärkt wird. Auch als das Erzstift Bremen an Schweden fällt, bleiben Prediger, der Bauherr und “die übrigen Bedienten”, also auch die Musiker, im Amt.

Gegen Ende des 17. Jahrhunderts dürfte das Musikleben am Dom reichhaltiger gewesen sein, als uns heute bekannt ist. Immerhin bekommt der in Norddeutschland zu der Zeit sehr bekannte Orgelbauer Arp Schnitger 1693 den Auftrag für den Bau einer neuen Domorgel. Diese Orgel ist “so schön, wie man noch nie eine gesehen noch gespielt” und wohl auch nicht gehört hat, wie der große Orgelvirtuose Vincent Lübeck damals schreibt.

Zu der Zeit existierte auch schon ein Domchor, den der damals sehr bekannte Domkantor Laurentius Laurentii (Kantor von 1684 bis1722) aus Schülern der Domschule ausgewählt hatte. Aber um die Finanzen stand es schlecht - so schlecht, dass die Jungen in der Vorweihnachtszeit an den Haustüren der Lutheraner um ein Almosen für ihr Chorsingen betteln mussten. Bis zum Ende des 18. Jahrhunderts haben die Nachfolger von Laurentii den Knabenchor mühsam über die Runden gebracht. Aber das allgemeine Interesse für Chormusik schien damals sehr gering zu sein. Es lag weniger an der Situation am Dom selbst als vielmehr am Zeitgeist der Aufklärung, der schließlich dazu führte, dass die Dommusik 1815 völlig eingestellt wurde.

Heinrich Kurth, 1856 - 1872

Zu Beginn des Jahres 1856 wurde Heinrich Kurth als Lehrer an der Domschule und Gesanglehrer am Gymnasium berufen. Kurth kam aus Stettin, wo er 1828 geboren wurde. Nach dem  Besuch der Ottoschule und des Stettiner Seminars kehrte er als Lehrer an seine ehemalige Schule zurück. Bei Karl Loewe, dem heute noch wohlbekannten Balladenkomponisten, mit dem Kurth zeit seines Lebens in Freundschaft verbunden blieb, erhielt er seine musikalische Ausbildung.

Schon kurz nach Beginn seiner Tätigkeit in Bremen führt Heinrich Kurth Gespräche mit der Verwaltung der St. Petri-Domkirche, wobei die Einrichtung eines Domchores beschlossen wird. Am 1. April 1856 unterzeichnen Kurth und der Verwaltende Bauherr Friedrich Huchting einen aus sechs Punkten bestehenden Vertrag, der festlegt, versuchsweise innerhalb eines halben Jahres einen “Schul- und Domchor” aufzustellen. Außer den Schülern sollen vier Männerstimmen gegen Bezahlung hinzugezogen
werden.

Unter Beaufsichtigung durch die Bauherren und einige Mitglieder des Konvents werden die Gesangs-”Übungen für die Knaben und Mädchen, für das Männerquartett und für den Gesamtchor … nach Maßgabe des hier angelegten Stundenplanes” im einzelnen vorgegeben. Mit den jugendlichen Schülern übt Kurth zunächst Choräle ein, mit denen diese dann in den Frühgottesdiensten den Gemeindegesang unterstützen. Nach und nach erlernen sie auch einfachere vierstimmige Motetten, die mit dem Männerquartett  zusammen ebenfalls in den Frühgottesdiensten zur Aufführung gelangen. Nach einem halben Jahr intensiven Probens hat die Leistungsfähigkeit des jungen Chores so zugenommen, “dass in einer stillen Abendstunde im Dom vor Kennern und Kunstfreunden ein förmliches Examen abgelegt werden konnte”, das überaus freundlich aufgenommen wird und “über den ferneren Fortbestand des Chores” entscheidet.

Dieses erste sozusagen inoffizielle, weil nicht öffentliche Konzert, wird seitdem in allen Berichten als Gründungsdatum des Domchores angesehen. Abgesehen davon, dass der genaue Termin um den 1. Oktober 1856 herum nicht mehr feststellbar ist,  kann ich diese Terminierung nicht nachvollziehen; denn die intensive Chorarbeit mit Stimmübungen, Proben und Auftritten in den Frühgottesdiensten setzt unmittelbar nach der Vertragsunterzeichnung am 1. April 1856 ein. Heinrich Kurth hat es “durch zähe, unermüdliche Arbeit” geschafft, aus Schülern und Schülerinnen der Domschule und vier Laiensängern aus der Zigarrenmacherzunft einen singefähigen Kirchenchor aufzubauen, der sein “Examen” durch die musikalisch über Laienkenntnisse sicherlich kaum hinausreichende Prüfungskommission im ersten Anlauf bestanden hat. So ist es m.E. gerechtfertigt, als Domchor-Gründungsdatum die Vertragsunterzeichnung am 1. April 1856 anzusetzen.

Mit großer Hingabe führt Heinrich Kurth seine Arbeit fort. Neben den regelmäßigen Proben veranstaltet er viele “außerordentliche” Zusammenkünfte, um seinen jungen Chor auf das erste öffentliche a-cappella-Konzert vorzubereiten, das am Donnerstag, dem 5. März 1857, um 19 Uhr im St. Petri-Dom stattfindet. Das Programm dieses geistlichen Konzertes wird am selben Tag in den Bremer Nachrichten abgedruckt:

                                          (BN 5.3.1857: Concert …)

Unter den aufgeführten Werken fallen eine Motette von Joseph Haydn und - die heutigen Sänger des Domchores wird es besonders erfreuen - das “Ave verum   corpus” von Wolfgang Amadeus Mozart auf; auch der Kurth-Freund Karl Loewe ist mit zwei Motetten und dem Psalm “Der Herr ist mein Hirte” vertreten. Der Eintritt kostet damals 18 Grote (diese entsprechen heute knapp 50 Cent). Mit 1497 Konzertbesuchern können Kurth und die Domgemeinde mehr als zufrieden sein. Zeitungskritiken im heutigen Sinn gibt es noch nicht; aber in einem Leserbrief (“Eingesandt“) kann man im “Courier an der Weser” am darauf folgenden Sonntag (8.3.1857) nachlesen, dass “die Leistungen meine Erwartungen übertrafen”. “Herr Kurth” und “seine Zöglinge” werden “für den genussreichen Abend … im Namen Vieler” herzlich bedankt. Unterzeichnet ist der Leserbrief mit “Ein treuer Freund des musikalischen Fortschrittes”.

Der zweite Auftritt am 29. September 1857 wird in den Zeitungen bereits als “Concert des Domchores” angekündigt. Auf dem Programm stehen neben Arien, Quartetten und Chorälen u.a. Motetten von Michael Haydn und Carl Heinrich Graun sowie das “Lux aeterna” aus der Missa pro defunctis von Niccolo Jomelli. Für den kranken Domorganisten Dr. Wilhelm Friedrich Riem hat Kurth den “Königlich Preußischen Musicdirektor” Carl Reinthaler gewinnen können, der damals als Lehrer am Konservatorum in Köln wirkt und zu der Zeit bereits als Komponist des Oratoriums “Jephta” und als hervorragender Orgelspieler bekannt ist. Er hinterlässt  einen so starken Eindruck, dass er zwei Wochen später am 15. Oktober 1857 als Domorganist “für die erledigte Organistenstelle” gewählt wird.

Auch dieses Konzert wird als großer Erfolg angesehen “und zeugte endlich die förmliche Überfüllung der großartigen Räume von der ungewöhnlichen Theilnahme des Publikums, das aufmerksam jeder Pièce folgte und sich sehr befriedigt fühlte”. So lesen wir wiederum unter “Eingesandt” im “Courier an der Weser” vom 1.10. 1857. Weiter heißt es hier: “In der That können die überraschenden Leistungen dieses Kinderchores einer Schul-Anstalt nur zur  g r ö ß t e n  E h r e  gereichen, wie sie andererseits Zeugniß ablegen von dem rastlosen Eifer und der Tüchtigkeit ihres Leiters”.

Am 24. Dezember 1857 wird im “Courier an der Weser” eine “Weihnachtsmusik des Domchors” angekündigt: “Wie wir hören, wird unser regsamer Domchor in den bevorstehenden Feiertagen eine Weihnachtsmusik zur Aufführung bringen, in welche Herr Kurth einen achtstimmigen Chorgesang von Palestrina eingeflochten hat … Wir können bei dieser Gelegenheit nicht unterlassen, den unermüdlichen Sängern, welche die Gemeinde fast jeden Sonntag mit neuen, schönen Vorträgen überraschen, unsre volle Anerkennung auszusprechen. Mehrere Kirchengänger”.

Das erste Konzert im zweiten Jahr des jungen Domchores findet statt am 20. April 1858. Über dieses Konzert berichtet der “Courier an der Weser” drei Tage später wie folgt:

                                               Concert-Besprechung vom 23.4.58

Die Gewohnheit, zwei Konzerte im Jahr - eines im Frühjahr und eines im Herbst - zu veranstalten, ist später über mehrere Jahrzehnte beibehalten worden. Natürlich sollen die regelmäßig veranstalteten Konzerte den Domchor musikalisch und künstlerisch in Erscheinung treten und auf Dauer zu einem Begriff im kulturellen Leben Bremens werden lassen. Sie verfolgen aber gleichzeitig den Zweck, die finanziellen Möglichkeiten zum Fortbestehen aus eigener Kraft, nämlich aus den Eintrittsgeldern, zu sichern. Der Männerchor, der innerhalb weniger Jahre auf 10 - 12 Herren angewachsen ist und sich großenteils aus Mitgliedern der Zigarrenmacherzunft rekrutiert, muss bezahlt werden. Kleine Geschenke, besonders zu Weihnachten, wobei Regenschirme, einfache Uhren und Wollkleider für die Mädchen in den Akten aufgezählt werden, müssen ebenso beschafft werden wie neues Notenmaterial, das damals deutlich teurer war als heute.

Neben den Schülern der Domschule werden bald auch Sänger/innen aus Gesangvereinen und Seminaristen aufgenommen, so dass im Laufe der ersten Jahre ein ansehnlicher Chor heranwächst. Anfang der 1860er Jahre beträgt die Zahl der angeschafften Noten für Sopran und Alt je 40 Exemplare, so dass man bei geschätzten  80 Sängern in den Frauenstimmen von einer Gesamtstärke des Domchores von 90 Personen ausgehen kann. Aus einer Kritik des Bußtagskonzertes im Jahr 1865 geht hervor, dass auf sage und schreibe “über 100 Sopranisten und Altisten nur 10 Männerstimmen” kommen, was (wohl mit Recht) als “unverhältnismäßige” Besetzung bezeichnet wird.

Besondere Aufgaben kommen  schon bald auf den Männerchor zu. Zunächst tritt er im Dom bei den Abendmahlsfeiern auf, nachdem vorher der gesamte Chor bei den sonntäglichen Hauptgottesdiensten mitgewirkt hat. Später weisen sämtliche Konzertprogramme bis in die Jahre nach 1900 ein bis zwei Werke für Männerchor aus. Einige Sänger singen außerdem im Theaterchor bei großen Opern - etwa von Meyerbeer, Verdi und Wagner - mit, und auch bei Familienfeiern wie Hochzeiten, Trauerfeiern und Jubiläen ist “das Männerquartett viel begehrt”.

Im Alter von nur 44 Jahren stirbt Heinrich Kurth viel zu früh am 1. April 1872, ein Mann, der den Domchor ins Leben gerufen und 16 Jahre lang zu einer beachtlichen Höhe geführt hat. Der ausgezeichnete Pädagoge hat seine Arbeit mit großer Hingabe und viel Idealismus betrieben - mit seinen eigenen Worten: “Es ist kein Werk, das zu persönlichem Vergnügen in den Mußestunden, das überhaupt nur beiläufig betrieben werden könnte, es ist die  A u f g a b e  e i n e s  L e b e n s “. Eduard NÖSSLER schreibt in seiner “Denkschrift” zum 50jährigen Bestehen des Domchores (1907) über die “unerschütterliche Beharrlichkeit” dieses Mannes: “Jedes Konzert wurde zu einem Fest. Das Interesse am Domchor, den Kurth wie ein Lieblingspflänzlein hegte und pflegte, wuchs in der Bevölkerung.”

Heinrich Kurth, 1856 - 1872
Heinrich Kurth, 1856 - 1872
Ankündigung des ersten öffentlichen Konzertes 1857
Ankündigung des ersten öffentlichen Konzertes 1857

Carl Reinthaler, 1872 - 1893

Carl (Martin) Reinthaler wurde 1822 in Erfurt geboren; er hatte in Berlin zunächst Theologie studiert, bevor er sich ganz der Musik verschrieb. 1849 ging er dank der Hilfe eines Stipendiums durch den König von Preußen ein halbes Jahr nach Paris und zweieinhalb Jahre nach Rom, wo er vor allem Gesang und Komposition studierte. Ab 1853 war Reinthaler als Lehrer am Konservatorium in Köln tätig. Hier vollendete er sein Oratorium  “Jephta”, das 1855 in Elberfeld uraufgeführt wurde und bis zur Jahrhundertwende zahlreiche Aufführungen in Deutschland erlebte.

Am 29. September 1857 kann Heinrich Kurth den Orgelspieler Carl Reinthaler für sein zweites Konzert  mit dem Domchor gewinnen. Dabei hinterlässt  dieser einen derart  hervorragenden Eindruck, dass er im selben Jahr als Nachfolger Riems zum Domorganisten gewählt wird. Zusätzlich übernimmt er die Leitung  der Sing-Akademie und der Privat-Konzerte, aus denen später Philharmonischer Chor und Orchester hervorgehen, sowie der Liedertafel und des Lehrergesangvereins.

Schon in den 1860er Jahren hat Reinthaler, der unterdessen zum “Städtischen Musikdirektor” ernannt worden ist, große Oratorien mit der Sing-Akademie erarbeitet, teilweise bereits in der Nachfolge von Riem, vor allem von G.F. Händel: Judas Maccabäus, Messias, Israel in Ägypten (1862 Erstaufführung in Bremen), Jephta, Samson, Salomon, Josua. Am 6. April 1860 bringt Reinthaler Bachs Matthäus-Passion und 1864 Beethovens Missa solemnis als Bremer Erstaufführungen heraus. Bereits seit 1859 veranstaltet er in Bremen Symphonie-Konzerte, bei denen nur Instrumentalmusik zur Aufführung kommt. Im Künstlerverein hat er von 1861 bis 1864 Historische Konzerte ins Leben gerufen, die sich auf 15 Abende ausdehnen. Außerdem ist er weiter als Gesanglehrer tätig.

Als erfolgreicher Komponist pflegt Reinthaler enge Kontakte zu anderen Komponisten seiner Zeit, etwa Johannes Brahms, Joseph Joachim, Clara Schumann, Max Bruch oder Arthur Rubinstein. So sorgt er dafür, dass Brahms sein “Deutsches Requiem” am Karfreitag des Jahres 1868 im Dom uraufführen kann. Gut zwei Wochen später dirigiert Reinthaler selbst das “Deutsche Requiem” in der Union. Brahms hat sein vollständiges Requiem noch zweimal 1871 und zweimal 1879 im St. Petri-Dom geleitet.

Neben all diesen Ämtern, Aufgaben und Verpflichtungen wird Reinthaler nach dem plötzlichen Tod Heinrich Kurths 1872 auch zum Leiter des Domchores ernannt. So ist er von 1857 bis 1872 allmählich zum musikalischen “Herrscher” in Bremen avanciert, der in der gelegentlich geäußerten Bezeichnung “Bremischer Musikpapst” gipfelt. Die Mitwirkung des Domchores kann Reinthaler über die zwei Domkonzerte zu Ostern und zum “Dank-, Buß- und Bettag” hinaus ausdehnen, etwa auf die kirchlichen Jahrfeiern des Gustav-Adolf-Werkes Mitte Oktober im Dom und auf die Anfang September veranstalteten Sedanfeiern mit morgendlichem Festgottesdienst im Dom und abendlichem Konzert mit anschließendem Feuerwerk im Parkhaus des Bürgerparks.

Die Konzertprogramme dieser Zeit unterscheiden sich kaum von denen unter Heinrich Kurth. Es sind zumeist Choräle, einfache Motetten und einzelne Chornummern aus größeren Oratorien und Passionen, die der Domchor nicht geschlossen zur  Aufführung bringt. Hier reichen wohl die Proben mit den Knaben-, Mädchen- und Frauenstimmen auf der einen Seite und dem Männerchor auf der anderen nicht aus; wahrscheinlich entspricht das auch nicht Reinthalers Intentionen, der mit der Sing-Akademie einen seit Jahrzehnten bewährten Oratorienchor zur Verfügung hat.

Jedenfalls erfährt der Domchor in den 1880er Jahren eine allmähliche Abwärtsentwicklung, die in den Rezensionen zunächst vorsichtig, später immer deutlicher zum Ausdruck kommt. So liest man etwa 1884, “dass die Qualität der Vorträge des Domchors immer die gleiche bleibt. Reinheit der Intonation ... und selbst die scharfe Unterscheidung eines Forte vom Piano muss als noch zu erreichendes ... Ziel bezeichnet werden” (Courier an der Weser 3.5.1884). Oder in ähnlicher Formulierung “erwähnen wir, dass auch dieses Mal über den Vorträgen eine bleierne Langeweile lagerte, eine Monotonie in der Farbengebung und dynamischen
Schattirung ..." (Courier an der Weser 26.9.1884).

In dem Maße, wie die Leistungen des Chores ein eher negatives Echo hervorrufen, nehmen die Besucherzahlen ab, und die Konzerteinnahmen reichen nicht mehr aus, um - wie etwa in den Jahren von Heinrich Kurth - die Unkosten zu decken. Die Überwindung dieser schwierigsten Jahre in der Geschichte des Domchores ist nur dadurch möglich, dass vermögende Familien, Musikfreunde und Sponsoren wiederholt erhebliche Summen stiften.

Das letzte Lebensjahrzehnt wirft zunehmend Schatten auf das Ansehen Carl Reinthalers. Das hängt vor allem wohl damit zusammen, dass sich der "Städtische Musikdirektor" in heftige Auseinandersetzungen mit den Anhängern Richard Wagners eingelassen hat, in denen er sich ganz auf die Seite seines Freundes Johannes Brahms stellt. "Modern" eingestellte Musiker und Dirigenten in Bremen, vorneweg Hans von Bülow, haben in der Öffentlichkeit immer mehr Gegnerschaft    gegen Reinthalers Konzertleitung und auch gegen seine Probenarbeit und Dirigier-Fähigkeiten aufkommen lassen, die schließlich dazu führen, dass er 1887 von seinen städtischen Musikämtern zurücktritt.

Im Dom bleibt Reinthaler als Kantor und Organist weiterhin tätig. Als Beweis seines Ansehens und seiner Bedeutung als Komponist wird er 1888 zum Professor ernannt. Krankheitsbedingt muss er sich immer häufiger vertreten lassen. Das vorletzte Domchor-Konzert am 13. November 1892 leitet sein Nachfolger Eduard Nößler, das letzte am 16. April 1893 Domkantor Andreas Weller. Nachdem Reinthaler 1894 einen Schlaganfall erlitten hat, stirbt er am 13. Februar 1896 als "einer der angesehensten Musiker seiner Zeit, hochverdient um Bremens Musikleben, indem er schon allein durch die Förderung des Brahmsschen Schaffens sich ein bleibendes Denkmal gesetzt hat" (EVERS 1949).

Carl Reinthaler
Carl Reinthaler

Eduard Nößler, 1893 - 1930

Eduard Nößler, geboren 1863 in Reichenbach/Vogtland, erhielt eine Lehrerausbildung in Grimma und studierte anschließend am Leipziger Konservatorium. 1885 kam er als Chordirektor an das Bremer Stadttheater. Er übernahm auch die Leitung des "Bremer Männergesangvereins" und blieb deshalb in Bremen, als er das Theater 1888 wegen Nichtverlängerung seines Vertrages schon wieder verlassen musste. Er übernahm das Organistenamt an der Liebfrauenkirche und gründete hier einen Kinderchor, mit dem er in kurzer Zeit beachtliche Erfolge erzielen konnte. Daraufhin wird er am 1. Oktober 1893 als Kantor und Organist an den Dom berufen, nachdem er schon einige Zeit vorher den kranken Carl Reinthaler gelegentlich als Chorleiter und Orgelspieler vertreten hatte. In den Jahren danach übernimmt Eduard Nößler die Leitung der "Neuen Liedertafel Union" und die "Neue Singakademie". Seinen Ruf als Chorleiter, Organist, Pianist und Komponist kann er in dem Maße vermehren, dass ihm schon 1907 im Alter von 44 Jahren der Professorentitel verliehen wird.

Mit Unterstützung von Bauherren, Kirchenvorstand und Konvent verschafft Eduard Nößler dem Domchor eine neue finanzielle Grundlage und kann ihn in die Verwaltung des St. Petri-Domes integrieren. Damit entfällt die bisherige Verpflichtung, mit den Einnahmen von zwei Konzerten im Frühjahr und Herbst  die Finanzierung des Chores zu ermöglichen, was bei den rückläufigen Besucherzahlen in den letzten Jahren unter Reinthalers Leitung nur noch durch zusätzliche Spenden und Legate erreicht werden konnte.

Der Männerchor besteht weiterhin aus acht Tenören und acht Bässen. Allerdings werden die Zigarrenmacher nach und nach durch Lehrer ersetzt, die dank ihrer theoretischen Ausbildung auch schwierigeren Anforderungen gewachsen sind. Die Oberstimmen werden zunehmend durch Frauen ersetzt, weil nicht genügend Knaben und Mädchen mit entsprechenden Vorkenntnissen zur Verfügung stehen. So bildet sich allmählich das Klangideal eines gemischten Chores heraus, das auf der Laienmusikpflege der damaligen Zeit beruht und den Domchor zu höchsten musikalischen Aufgaben, insbesondere den großen Oratorien, Messen und Passionen, hinführt. Um regelmäßig musikalische Nachwuchssänger für ausscheidende ältere Chormitglieder zur Verfügung zu haben und um einen jugendlich-frischen Chorklang zu gewährleisten, baut Nößler eine Domchor-Vorklasse für die Frauenstimmen neu auf und stellt speziell für diese Aufgabe einen qualifizierten Leiter ein.

Nößlers engagierte Bemühungen um eine Neustrukturierung des Domchores mit leistungsfähigen Sängern führt sehr bald zu sichtbaren Erfolgen, wofür wir hier aus der Kritik des Domkonzertes vom 28. April 1895 zitieren möchten: "...Der Chor macht unter der Leitung des Herrn Musikdirector Nößler stetige Fortschritte, die von einem Concerte zum anderen zu verfolgen sind und denselben jetzt auf eine achtunggebietende Höhe gebracht haben, die eine künstlerisch bedeutsame Wiedergabe wenigstens der Compositionen für gemischten Chor garantiert. Die zartesten  Nüancen und Schattirungen führt der Chor jetzt mit großer Präzision aus, sodass der Besuch dieser Concerte auch für verwöhnte Ohren genussreich ist ..." (Bremer Courier 30. April 1895).

Am 20. November 1907 feiert der Domchor sein 50jähriges Bestehen. Im Hauptgottesdienst singt er ein Kyrie von Johann Christoph Altnikol, Schüler und Schwiegersohn von Johann Sebastian Bach, und die Kantate "Pharisäer und Zöllner" von Martin Grabert, einem Berliner Kirchenmusiker. Die Sopran-, Tenor- und Basssoli werden von Mitgliedern des Domchores gesungen. Im Jubiläumskonzert am Abend stehen an Chorwerken zwei sechs- und achtstimmige Chöre von Palestrina, der achtstimmige Psalm 147 "Lobet den Herrn" von Carl Reinthaler, das vierstimmige Gebet op. 60 Nr. 4 von Max Bruch und die Bachkantate "Gott, der Herr, ist Sonn' und Schild" auf dem Programm.

Natürlich ist auch Eduard Nößler ein Kind seiner Zeit und deshalb der damaligen "Moderne" und ihren Komponisten sehr zugetan. So finden wir in den Konzertprogrammen etwa Chorwerke von Max Reger, Arnold Mendelssohn, Felix Mendelssohn-Bartholdy, Max Bruch oder Johannes Brahms. Das ändert aber nichts daran, dass viele alte Meister wie Heinrich Schütz und vor allem Johann Sebastian Bach unter Nößler einen wichtigen Platz einnehmen. Zahlreiche Bachkantaten gelangen mit dem Domchor zur Aufführung, und am Karfreitag des Jahres 1926 kann Eduard Nößler sich endlich den größten Wunsch seines Lebens erfüllen: Mit seinem Domchor bringt er zum ersten Mal Bachs Matthäus-Passion zur Aufführung. Der Kritiker Prof. Georg Herbst schwärmt in seinem Bericht: "Nößler hat den Weltgeist des großen  Sebastian auf Stunden gegenwärtig sein lassen und statt der stummen Hände schlugen Herzen der in fromme Schauer gebannten Hörer den Dank zu ihm empor." Seit diesem Karfreitag des Jahres 1926 gehört das gewaltigste Werk der evangelischen Kirchenmusik zum festen Repertoire des Domchores.

Ein zweites "Standardwerk" hat Nößler dem Domchor erschlossen: Nachdem das "Deutsche Requiem" von Johannes Brahms seine Uraufführung 1868 unter der Leitung des Komponisten durch die Singakademie, den damaligen Konzertchor, im St. Petri-Dom erlebt hatte, bringt Nößler das "Deutsche Requiem" am Karfreitag 1929 zum ersten Mal mit dem Domchor zur Aufführung. Allein sein Nachfolger Richard Liesche hat diese große und überaus beliebte christliche "Trauermusik" (so hat der Komponist sein Werk benannt) vierzehnmal mit dem Bremer Domchor aufgeführt, und dessen beide Nachfolger Hans Heintze und Wolfgang Helbich haben Brahms' Requiem bis heute als eines der beliebtesten Chorwerke lebendig und - wie CD-Aufnahmen von 1981 und 2002 aus dem Bremer Dom belegen - frisch und damit unsterblich gehalten.

In den Jahren bis zu seiner Pensionierung bringt Eduard Nößler folgende große Chorwerke der Musikliteratur zur Aufführung:                  
               
1909  "Elias" von Felix Mendelssohn-Bartholdy
          C-Dur-Messe von Ludwig van Beethoven
1910  Requiem von Wolfgang Amadeus Mozart
1911  G-Dur-Messe von Franz Schubert
1916  "Josua" von Georg Friedrich Händel
1920  Requiem von Giuseppe Verdi
1921  "Gustav Adolf" von Max Bruch
1924  Requiem von Luigi Cherubini
1925  "Messias" von Georg Friedrich Händel
1926  Matthäus-Passion von Johann Sebastian Bach
1929  "Ein deutsches Requiem" von Johannes Brahms

In den zwanziger Jahren  des vorigen Jahrhunderts kann Eduard Nößler mit seinem Domchor die ersten Konzertreisen unternehmen. Die erste führt im Herbst 1922 in die Heimat Nößlers ins Vogtland, den "Musikwinkel Deutschlands", wo in Reichenbach, Adorf und Greiz Chorkonzerte gegeben werden. Die Begeisterung des Publikums ist über Erwarten groß, und auch die dortige Presse spart nicht mit Anerkennung. Wohl aufgrund dieses Erfolges erhält der Domchor eine besonders ehrenvolle Einladung zur Teilnahme am 3. Deutschen Regerfest in der Dresdener Kreuzkirche am 15. November 1924. Das Programm dieses Chorkonzertes haben   die Sänger auch schon einen Tag vorher in der Marktkirche in Halle/Saale zur Aufführung gebracht.

Übrigens: Erst durch diese beiden Reisen entsteht der endgültige Name unseres Chores, nämlich "Bremer Domchor" - wohl in Abgrenzung gegen andere Domchöre, womit ja auch der Ruf Bremens als Musikstadt im Nordwesten Deutschlands zum Ausdruck kommt. In der Vorweihnachtszeit 1924 taucht zum ersten Mal der Begriff des  Weihnachtsliederabends, damals noch als Weihnachtskonzert bezeichnet, im Programm des Bremer Domchores auf, der sich als überaus beliebte  Veranstaltung  bis heute erhalten hat und alljährlich für einen ausverkauften Dom sorgt.

Am 30. März 1930 gibt Eduard Nößler sein Abschiedskonzert mit dem Bremer Domchor. 37 Jahre lang ist er als Organist und Kantor am St. Petri-Dom tätig gewesen - länger als seine Vorgänger und Nachfolger. Aus bescheidenen Anfängen hat er "seinen" Bremer Domchor geformt und zu beachtlichen Erfolgen geführt, auf denen seine Nachfolger aufbauen konnten. Mit Beginn des Zweiten Weltkrieges  verlegt Nößler seinen Wohnsitz nach Bayern. Kurz nach seinem 80. Geburtstag stirbt er am 19. September 1943 in Garmisch-Partenkirchen. Seine Urne wird auf dem Riensberger Friedhof in Bremen beigesetzt.

Eduard Nößler
Eduard Nößler
Der Bremer Domchor in Dresden
Der Bremer Domchor in Dresden
Das erste Brahmsrequiem des Domchores
Das erste Brahmsrequiem des Domchores

Richard Liesche, 1930 - 1957

Wie sein Vorgänger Eduard Nößler stammte auch Richard Liesche aus Sachsen:1890 wurde er in Leuben bei Lommatzsch (15 km nordwestlich von Meißen) geboren. Nach dem Besuch eines sächsischen Seminars war er ein Jahr als Lehrer tätig. Schon seit früher Jugend zeigte sich seine große Musikalität; er war ein ausgezeichneter Klavier- und Orgelspieler. Im Leipziger Konservatorium studierte er im Fach Orgel bei Karl Straube, Klavier bei J. Pembaur und Komposition bei Max Reger, denen Liesche entscheidende künstlerische Eindrücke für sein Musikerleben verdankte. Im Ersten Weltkrieg  wurde aus dem angehenden Organisten der anerkannte Leiter einer Militärkapelle im Westen, wodurch sich Liesche  - wie er später  erzählt hat - wichtige Kenntnisse in der instrumentalen Praxis aneignen konnte. 1918 wurde er auf Empfehlung seines Lehrers Karl Straube, der seinen Schüler zeitlebens mit großer Anteilnahme beobachtete, zum Organisten an die Nikolaikirche in Flensburg berufen, wo er in zwölf Jahren die Kirchenmusik aus kleinsten Anfängen zu beachtlichen Höhen geführt hat. Liesches rastloser Einsatz und die künstlerischen Erfolge bewirkten 1929 die Ernennung zum Landeskirchenmusikdirektor in Schleswig-Holstein.

Bei einem Probekonzert vor dem Kirchenvorstand und dem Konvent der Domgemeinde am 30. November 1929 abends im Dom spielt Richard Liesche zwei Orgelwerke von Bach und Reger. Der Domchor singt unter seiner Leitung aus einer Deutschen Messe für drei Chöre à cappella von Erwin Zillinger den ersten Satz und danach die Brahms-Motette "Warum ist das Licht gegeben den Mühseligen?" Von Eduard Nößler von Anfang an nachhaltig unterstützt, wird Liesche zum 1. April 1930 einstimmig gewählt. In Bremen überrascht er die Domgemeinde und die Musikliebhaber der Stadt durch seine unbändige Aktivität, seinen erstaunlichen Arbeitsumfang und das nie erlahmende Arbeitstempo. Schon das Datum seines ersten Domkonzertes steht als Beweis für diese in unserer Stadt bis dahin nicht erlebte Vitalität: Bereits am Karfreitag, dem 18. April 1930, bringt Liesche das "Deutsche Requiem" von Johannes Brahms mit dem Domchor zur Aufführung, womit er an die besondere Tradition gerade dieses Werkes am Bremer Dom anknüpft. Genau ein Jahr zuvor hatte Eduard Nößler das "Deutsche Requiem" zum ersten Mal mit dem Domchor aufgeführt, "so dass die Wieder-Einstudierung durch Rich. Liesche sich hauptsächlich auf die Kleinarbeit zu erstrecken hatte ... Unter diesem Gesichtswinkel betrachtet, bot die Aufführung das anmutende Bild einer mit großem Feingefühl durchdachten und sehr sorgfältig abgewogenen Wiedergabe ... Namentlich in dynamischer Hinsicht sorgte Rich. Liesche für wirksamste Abstufung und eindrucksvolle Steigerungen, wobei der Domchor seiner gemessenen Zeichengebung mit voller Hingabe folgte und sich eines auf das bedachtsamste ausgeglichenen Vortrags befleißigte" (Dr. Weißenborn in Weser-Zeitung vom 20.4.1930).

Selbstverständlich steht Johann Sebastian Bach im Mittelpunkt des musikalischen Denkens bei Richard Liesche. Und doch setzt er sich immer für die zeitgenössische Kirchenmusik ein. Er gilt als Wegbereiter für Komponisten wie Hans Chemin-Petit, Johann Nepomuk David, Hugo Distler, Karl Gerstberger, Heinrich Kaminski, Frank Martin, Karl Marx, Hans-Friedrich Micheelsen, Albert Möschinger, Rudolf von Oertzen, Ernst  Pepping, Günter Raphael, Kurt Thomas, Fritz Werner oder Erwin Zillinger. Auf dem 61. Tonkünstlerfest des Allgemeinen Deutschen Musikvereins vom 11. bis 16. Mai 1931 in Bremen bringt Liesche mit dem Domchor etwa Werke von Pepping, Möschinger und Thomas zu Gehör. Im 10. Konzert der Bremer Musikabende am 8. März 1931 erfährt die Motette op. 6 "Werkleute sind wir" von Karl Marx ihre Bremer Erstaufführung (später hat der Domchor das Werk wiederholt in den Motetten gesungen), und das Te Deum von Günter Raphael gelangt am selben Abend zur Uraufführung.

Vom 10. bis 12. Oktober 1931 veranstaltet Richard Liesche aus Anlass des 75jährigen Domchorjubiläums ein "Bremer Bachfest", bei dem der Domchor an drei aufeinander folgenden Tagen gefordert wird. Den Abschluss bildet die H-moll-Messe, die allein schon höchste Anforderungen an Kantor und Ausführende stellt und auch über Bremens Grenzen hinaus Beachtung und Würdigung findet. Dass Liesche mit seinem Domchor auch auswärtige Musikkenner auf sich aufmerksam machen kann, findet seine Bestätigung darin, dass kurz nacheinander zwei Deutsche Bachfeste in Bremen ausgetragen werden, nämlich im Herbst 1934 das 24. und im Sommer 1939 das 27. Deutsche Bachfest. Damit hat sich Bremen neben Leipzig als zweite deutsche Bachstadt einen Namen erworben.

Am 24. April 1934, dem "Singesonntag" Cantate (nicht im Herbst 1934, wie bei EVERS 1950 erwähnt), führt Richard Liesche im feierlichen Rahmen eines abendlichen Festgottesdienstes die erste "Motette im Dom" ein, die nach dem Vorbild des Leipziger Thomanerchors künftig jeden Donnerstag stattfindet und bis zum Jahresende 1934 die Nummer 25 erreicht. Diese regelmäßigen Donnerstags-Konzerte bei freiem Eintritt stellen vom zusätzlichen Zeitaufwand und den abwechslungsreichen Programmen, die alle kirchenmusikalischen Epochen der Chormusik beinhalten, eine große Herausforderung für den Domchor dar und vergrößern sein abrufbereites Repertoire ständig.
Die musikalischen Anforderungen und die zeitliche Belastung der Domchorsänger gehen bis an die Grenze der Leistungsfähigkeit und verlangen ihrem "Hobby" große Hingabe und Begeisterung sowie Verzicht auf Familie und Privatleben ab. Immer wieder warnen alte Chorsänger die "neuen" mit Bemerkungen wie: "Mit dem Domchor mußt du verheiratet sein - das ist deine Familie!" Allein die herausragenden Leistungen bei besonderen Veranstaltungen (Tagungen, Musikfeste) und Konzertreisen während der Liesche-Ära von 1930 bis 1945 (Kriegsende) werfen ein Licht auf das Arbeitsprogramm des Domchores:

1931  Bremen: Musikfest des Allgemeinen Deutschen Musikvereins
          Bremer Bachfest
1934  Kopenhagen: Bachs Matthäus-Passion, A-cappella-Werke
          Bremen: 24. Deutsches Bachfest
1937  Berlin: Fest der deutschen Kirchenmusik
1938  Kopenhagen, Lund: A-cappella-Werke
1939  Bremen: 27. Deutsches Bachfest
1941  Brüssel, Paris: Mozart Requiem und C-moll-Messe, A-cappella-Werke
1942  Niederlande: A-cappella-Musik
1943  Wiener Orgelmusiktage: einziges Chorkonzert
1944  Hinterpommern: A-cappella-Musik


Richard Liesche und der Bremer Domchor im "Dritten Reich" und während des Zweiten Weltkrieges


Kürzlich wollte ein mehr als oberflächlich recherchierter Zeitungsbeitrag den Bremer Domchor und seinen damaligen Kantor Richard Liesche zu einer "musikalischen Institution mit tiefbraunen Flecken" abqualifizieren. Es ist richtig, dass der Domchor an offiziellen "Huldigungsfeiern" im Dom mitwirkte - dafür sorgte vor allem  "Domprediger" Heinz Weidemann, der sich 1934 als "Deutscher Christ" und Herausgeber der Nazi-Zeitschrift "Kommende Kirche" zum  "Landesbischof" ernennen ließ und im Dom solange seine Nazi-Ideologien "verkünden" konnte, bis seine Gesinnung erkannt und er nach schlimmen Verfehlungen - wenn auch dank seiner Beziehungen zur Nazispitze in Berlin viel zu spät - entlassen wurde. Bei Ablehnung der Mitwirkung des Domchores wäre Liesche sofort "gefeuert" und der Domchor aufgelöst worden (wie in anderen Städten unseres Landes geschehen).

Dies umso eher, als Liesche entgegen anderslautenden Behauptungen niemals Parteimitglied in der NSDAP gewesen ist. Das wird u.a. belegt durch ein Schreiben Liesches vom 24. Juli 1943 an den Oberbürgermeister der Stadt Leipzig, der ihn als Leiter des Musischen Gymnasiums ernennen will, was Liesche mit dem Argument, dass er als "Mann, der im 54. Lebensjahr steht, der nicht Parteimitglied ist", dankend ablehnt.
 Wenn die Kopenhagen-Reise 1934 von den Reichsbehörden, dem Bremer Senat, der BEK und der Domgemeinde finanziert wurde, dann zeigt das, welches Ansehen der Bremer Domchor damals neben den Leipziger Thomanern in der Bachpflege hatte. Immerhin fuhr er mit der Matthäus-Passion "im Gepäck" nach Kopenhagen, die er mit dem dänischen Staatsorchester und dänischen Solisten gemeinsam zur Aufführung brachte. Heute wie damals sind solche Reisen ohne finanzielle Zuschüsse gar nicht durchführbar, und heute wie damals werden solche Konzertreisen unternommen, um das eigene Ansehen zu mehren und zum  Kulturaustausch mit den Nachbarländern beizutragen. Immerhin hat 1934 fast niemand geahnt, welch böses Ende das Hitler-Regime und mit ihm unser ganzes Land nehmen würden. Hinzukommt, dass gerade die Matthäus-Passion von Joh. Seb. Bach in ihrer Bedeutung als größte Passionsmusik des Protestantismus kaum dazu hätte dienen können, die Nazimachthaber zu verherrlichen. Dazu waren diese viel zu kirchenfeindlich eingestellt!

Die vielleicht spektakulärste unter den Domchorreisen während des Zweiten Weltkrieges ist jene nach Hinterpommern über die Osterfeiertage 1944 (6. bis 11.4.44). Pastor Greiffenhagen von St. Stephani, Mitglied der "Bekennenden Kirche", "die sich von den Nazis nicht vereinnahmen" ließ, bat Richard Liesche dringend um eine Konzertreise in die pommersche Provinz jenseits der Oder, um bei der Bevölkerung - die russischen Verbände rückten immer näher auf die Reichsgrenze vor - das Gefühl der Zusammengehörigkeit zu stärken. Der Domchor mit immerhin noch gut 50 Sängern gab A-cappella-Konzerte in Rügenwalde, Stargard, Kolberg, Belgard (Stadt im Kreis Köslin), Stolp und Lauenburg.

Glücklicherweise haben sich in verborgenen Unterlagen noch zwei Programme auf schlecht hektographierten Blättern gefunden, die zeigen, wie sehr Liesche mit der Programmfolge bemüht war, den äußerst bedrohten Menschen in diesen schlimmsten Monaten des seinem katastrophalen Ende zustrebenden Krieges Glaube und Hoffnung auf Frieden zu vermitteln. U.a. kamen zur Aufführung:

    Johann Walter: Verleih uns Frieden gnädiglich
    Heinrich Schütz: Ich bin die Auferstehung und das Leben
    Gottfried August Homilius: Domine, ad adjuvandum me festina
        (Eile, Herr, uns zu helfen)
    Johann Nepomuk David: Ich wollt, dass ich daheime wär
    Joh. Seb. Bach: Motette Singet dem Herrn ein neues Lied

Die Aussage dieser Motetten beweist besser als alle Worte, wie wenig Richard Liesche mit den braunen Machthabern und ihren "Endsieg"-Parolen zu tun hatte und wie stark sein Bemühen war, die verzweifelten Menschen mit der Musica sacra zu stärken. Die Nazi-Führung in Bremen reagierte überaus sauer: Stundenlang wurde Richard Liesche bei der Gestapo (Geheime Staatspolizei) Am Wall verhört. Er musste sich daraufhin regelmäßig bei der Polizei melden und durfte die Stadt nicht mehr verlassen.

Die innere Einstellung Liesches zum nationalsozialistischen Regime auf der einen und seine Menschlichkeit auf der anderen Seite belegen zwei Personen, die damals wegen ihrer jüdischen Abstammung äußerst bedroht waren: In einem Schreiben vom 15.8.1944 "An den Leiter der Finanzabteilung der BEK, Herrn Dr. Cölle, Bremen, Sandstr. 10 - 11" heißt es über die Organistin Käte van Tricht: "Es wird Ihnen neu sein zu hören, dass Frl. K. v. Tr. 25% Jüdin ist. Sie hat es verstanden, am Dom niemals ihre arische Abstammung nachzuweisen; sie verfügt lediglich über einen Studentenausweis, der den Vermerk trägt 'der arische Nachweis ist erbracht',
diese Angabe ist falschl! Es wird Ihre Sache sein, sich hiermit einmal näher zu befassen. Heil Hitler! Gez. Arlt, Wilhadi-Gemeinde" (der damalige Pastor Arlt! G.R.). Dreimal wurde Käte van Tricht daraufhin gekündigt, und dreimal sorgte Richard Liesche dafür, dass die Kündigung aufgehoben wurde! Dank hat er dafür nie erhalten - ganz im Gegenteil.


Der zweite Zeitzeuge für die Gesinnung Richard Liesches ist Professor Dr. Frithjof Haas, Kapellmeister in Karlsruhe von 19   bis 19  , der in den Jahren 1943 und 1944 Orgelschüler bei Richard Liesche war und als Halbjude im "Dritten Reich" um sein Leben fürchten musste. Liesche gab Haas einen Schlüssel, so dass er abends nach Schließung des Domes auf der Sauer-Orgel üben konnte. In einem Bericht vom 8.3.2006, der hier abgedruckt ist, beschreibt Prof. Haas mit großer Wärme die Menschlichkeit, die Liesche ihm entgegenbrachte und ihn vor dem Zugriff der Nazis bewahrte, wobei er sich größter Gefahr aussetzte ...

Aus einem handgeschriebenen Brief vom 31. Mai 1945 an Richard Liesche, der nur schwer zu lesen ist, zitiere ich Frithjof Haas noch einmal: "... Darüber hinaus haben Sie sich auch nicht gescheut, mir die Domorgel voll und ganz zum Studium zur Verfügung zu stellen. Sie und ich wissen, welches Risiko Sie damit eingingen; Sie haben damit bewusst zum Ausdruck gebracht, dass Sie sich diesen menschenunwürdigen Prinzipien des vergangenen Hitler-Regimes in keiner Weise anschließen wollten.- Es drängt mich, dies hier noch einmal deutlich zum Ausdruck zu bringen, da ich zu meinem Bedauern hören musste, dass man Ihre eindeutige Einstellung  gegen den Nationalsozialismus in Zweifel gezogen hat.- Ich finde das umso unverständlicher, als Sie abgesehen von Ihrer allgemein freundschaftlichen Haltung mir gegenüber auch bei kurzen Gesprächen über Politik ... Ihre eindeutige Einstellung ebenso zum Ausdruck brachten ..."


Richard Liesche und der Bremer Domchor im Nachkriegsdeutschland


Je näher das Ende des Krieges heranrückt, desto größer werden Trostlosigkeit und Verzweiflung der Menschen. Besonders Mütter mit Säuglingen und Kleinkindern  sowie alte Menschen haben es immer schwerer, sich durchzubringen. Die Wohnungsnot durch die Zerstörungen und die Versorgung mit Grundnahrungsmitteln ist katastrophal. Dazu kommt die ständige Angst vor weiteren Bombenangriffen. Trotz dieser verzweifelten Lage geht die Chorarbeit - wenn auch mit etwa halbiertem Chor - weiter. Das Erscheinen zu Proben und Gottesdiensten ist immer schwieriger und gefährlicher geworden: Die befohlene Verdunkelung wird vor allem in den Herbst- und Wintermonaten immer unerträglicher, Straßenbahnen fahren nur noch auf wenigen Teilstrecken (das Gleisnetz ist durch Zerstörung vielfach unterbrochen, und die wenigen noch vorhandenen PKWs dürfen nur für "kriegswichtige" Fahrten benutzt werden). Die Bombenangriffe lassen bis zum  Kriegsende nicht nach. Noch am 23. März 1945 schlägt eine Brisanzbombe, eine sogenannte "Sprengbombe",  im östlichen Teil des Nordschiffes im Dom ein. Beide Orgeln, die Sauerorgel und die erste Bachorgel im nördlichen Querschiff, werden schwer beschädigt und unbespielbar. Sämtliche Fenster des Domes sind zerstört und ein Drittel der Nordschiffsgewölbe eingestürzt. Regen und Wind fegen durch den weiten Kirchenraum.

Die ersten Gottesdienste nach der Kapitulation finden in der Ostkrypta statt, die die Menschen bei weitem nicht fassen kann. Der Domchor (sonntags abwechselnd die Halbchöre A und B) gelangt durch den damaligen Bleikeller (heute Dommuseum) über eine schmale Treppe in den Ostteil der Krypta neben der Silbermannorgel, die dort aufgestellt ist. Nur wenige Quadratmeter sind für den Chor abgetrennt; die Sänger stehen so eng, dass sie kaum ihre Noten halten können.

Am 7. Juni 1945 findet die erste Motette (lfd. Nr. 307) im Dom statt. Die Ankündigung ist auf handschriftlichen Zetteln in englisch und deutsch an die Domtüren geheftet, wobei der Hinweis nicht fehlen darf, dass die Veranstaltung durch die Militärregierung genehmigt ist. Das Programm dieser Motette umfasst folgende Werke:

    1. Johann Walter: Verleih uns Frieden
    2. Palästrina: O bone Jesu
    3. Durante: Misericordias Domini
    4. G. A. Homilius: Domine, ad adjuvandum me
    5. Joh. Seb. Bach: Jesu, meine Freude

Etwa 5000 Menschen stehen und sitzen auf und zwischen Trümmern, die sich im Nordschiff bis zu 2 Meter hoch türmen. Walter DIETSCH sagt in seiner Schrift zum 100jährigen Domchorjubiläum im Jahre 1956: "Da war nichts mehr von 'Kirchenkonzert' und 'ästhetischem Genuss', sondern da war alles Gotteslob und Anbetung. Da war zwar alles musikalisch ausgefeilt und ästhetisch in Ordnung, aber zugleich und über das alles hinaus Verkündigung von Gottes Gnade und Barmherzigkeit."

Allmählich füllen sich die Reihen im Domchor wieder: Kriegsheimkehrer, Kriegsgefangene, Mütter mit ihren Kindern, die durch Kinder-Landverschickung nach Osten oder durch "Landflucht" zu Verwandten und Freunden in die Umgebung Bremens ausgewichen waren, Bewohner zerstörter Häuser und Wohnungen, die in der Stadt eine "Notwohnung" gefunden hatten, - sie alle finden sich im Laufe der Jahre 1945 und 1946 wieder ein. Aber auch drei oder vier Herren im Tenor und Bass tauchen wieder auf: Sie hatten sich vom Domchor "beurlauben" lassen, weil die Mitgliedschaft in einem Kirchenchor und die Nicht-Mitgliedschaft von Musikdirektor Richard Liesche in der NSDAP ihrer erhofften Beförderung im "Dritten Reich" im Wege gestanden hatte.

Durch rastlose Probenarbeit kann der Bremer Domchor unter seinem Kantor Richard Liesche an den hohen Leistungsstand der Vorkriegszeit anknüpfen. Als Meilensteine sind das Bremer Bachfest Anfang September 1947, das als erstes Bachfest überhaupt nach dem Kriegsende in Deutschland gilt, sowie die Bremer Bachwoche vom 18.6. bis 24.6.1950, das 28. Deutsche Bachfest in Bremen 1951 und die Teilnahme am 31. Deutschen Bachfest in Ansbach (29.7. - 3.8.1954) mit der Aufführung der H-moll-Messe am 31. Juli 1954 anzusehen. Dabei haben die "meisterlichen Bach-Interpretationen" (Dr. Roselius im Weser-Kurier vom 2.12.1957), die Stilaufführung der Johannes-Passion am 19.6.1950 und besonders die Stilaufführung der Matthäus-Passion vor dem Hauptaltar im Mittelschiff am 19.3.1953 für Aufsehen gesorgt. BLUM (1975) beurteilt die technische und klangliche Qualität des Domchores nach dem Zweiten Weltkrieg als so hochstehend, dass der Philharmonische Chor ins zweite Glied abgerutscht ist. Im Februar 1947 wird Richard Liesche vom Bremer Senat der Professorentitel verliehen, und ab 1948 lehrt er am Konservatorium.

Liesche ist nicht nur ein grandioser Orgelspieler; nach dem Zusammenbruch betätigt er sich zudem als "Orgelbauer": Viele Tage und Nächte braucht er, um die vor der Zerstörung selbst ausgebauten Orgelpfeifen, die in einem "Bunkerraum" im Nordturm gelagert waren, wieder einzubauen. Er legt selbst eine Elektroleitung vom Spieltisch zum Hauptanschluss in der Südturm-Vorhalle. Zur Christvesper am Heiligabend 1945 um 17 Uhr sitzen Tausende von Menschen auf den Trümmern und auf mitgebrachten Klappstühlen im nach oben offenen und fensterlosen Dom, als ein glücklicher Richard Liesche "seine " Sauerorgel zum ersten Mal wieder zum Klingen bringt.

Durch seine Verbindungen nach Sachsen hatte Liesche 1939 das Silbermann-Positiv, das 1732/33 für die Kirche in Etzdorf entstanden war, dann nach Wallroda verbracht wurde und seit 1919 im Privatbesitz der Frau M. Rüde in Dresden war, für den Bremer Dom erwerben können. Das um ein Pedal erweiterte Positiv war schon etwa 1940 von der Westkrypta in die deutlich größere Ostkrypta versetzt worden und konnte nun in den Gottesdiensten eingesetzt werden. Das mittlerweile in den Originalzustand zurückversetzte Instrument steht heute wieder in der Westkrypta. Es ist  die einzige Silbermann-Orgel außerhalb Sachsens, von der im Gottfried-Silbermann-Museum in Frauenstein (Erzgebirge) heute sogar eine von der Firma Wegscheider erbaute Kopie existiert.

Ein besonderes Anliegen ist für Richard Liesche immer die Förderung des sängerischen Nachwuchses gewesen. Von Eduard Nößler hatte er die "Vorklasse" übernommen. Hier erhalten sangesfreudige Jungen und Mädchen Notenkenntnisse und lernen das Absingen vom Notenblatt. Lange Jahre wird die Vorklasse nun geleitet von dem Tenor-Chorsänger und Musiklehrer Rudolf Großmann. Liesche gründet zusätzlich den "Novizenchor", einen Jugendchor des Domchores. Alle jungen Chorsänger müssen mindestens zwei Jahre im Novizenchor mitsingen, bevor sie in den "großen Chor" aufgenommen werden können. Hier werden alle großen Werke, die gerade zur Aufführung anstehen, "von der ersten Note an" einstudiert, und auch erwachsene Chorsänger müssen hier mitproben, wenn sie ein Werk als "neue" nicht kennen. Besonders in den Novizenchor-Proben, die jeden Sonntag nach dem Gottesdienst (11,30 - 13,00 Uhr) stattfinden, zeigen sich die musikpädagogischen Fähigkeiten Liesches. Systematisch werden die Chorwerke solange geprobt, bis alle jungen Sänger ihre Stimme beherrschen.

Alle zwei bis drei Jahre finden im Sommer sogenannte "Ritterfeste" statt, bei denen jeder Kandidat ein selbst gewähltes Sangesstück (Kunstlieder, Arien u. dgl.) unter Klavierbegleitung vortragen muss. Dann erfolgt unter großem Beifall der Domchor-Zuhörer der sog. "Ritterschlag", d.h. eine mehr oder weniger liebevolle Ohrfeige des Kantors, die die endgültige Aufnahme der Novizin / des Novizen in den Bremer Domchor besiegelt. An diese Ritterfeste erinnern sich alte Domchorsänger besonders gern; denn es waren wunderschöne Chorfeste mit Begleitprogramm, die meistens in ländlichen Gartenlokalen (Falkenberg, Gut Hodenberg, Badener Berge u.a.) stattfanden. Gerade auf solchen "Familienfesten" des Domchores trug Richard Liesches Fröhlichkeit zur allgemeinen Stimmung bei. Wenn "Don Ricardos" lautes und breites Lachen ertönte, mussten einfach alle mitlachen!

Mehrfach erlebt der Novizenchor seine eigenen Konzert-Auftritte, so etwa im Singspiel "Abu Hassan" von Carl Maria von Weber am 8. Februar 1953 beim Domgemeinde-Abend in der "Glocke" oder am 21. Dezember 1956 bei der Weihnachtsfeier in der Chirurgischen Klinik des Krankenhauses St. Jürgenstraße. Und auch die Novizenchor-Ausflüge und -freizeiten, z.B. nach Sandhatten vom 12. bis 16.8.1951 oder ins Domlandheim Seebergen am 8.5.1955, bleiben unvergessen.

Richard Liesches Verdienste in musikalischer Hinsicht und für den Domchor sind vielfach und auch außerhalb Bremens ausführlich gewürdigt worden. Dabei ist ein Gesichtspunkt bisher kaum beachtet worden: Dass der Bremer Domchor die schlimmsten Jahre des "Dritten Reiches" mit seinem antichristlichen und unmenschlichen Gedankengut sowie mit den katastrophalen Ereignissen des Zweiten Weltkrieges trotzdem auf beachtlicher Höhe bis zum Schluss durchstehen konnte, das hat er der Willensstärke und Vitalität dieses Mannes zu danken, der die Unabhängigkeit von Nazi-Partei und kirchenfeindlichen Tendenzen mutig gewahrt hat und in wenigen Jahren intensiver Chorarbeit wieder an die Vorkriegserfolge des Bremer Domchores anknüpfen konnte. "Was der Domdirektor, Chorleiter, Organist und Pianist, der vielseitige Pädagoge und Vorsitzende des Bremer Tonkünstlerverbandes an umfangreichem Arbeitspensum bewältigt hat, das grenzt ans Wunderbare. Dass Richard Liesche bei seinem früh bewiesenen eminenten Können niemals in die Erstarrung der Routine verfiel, sondern stets um letzte Gestaltungsprobleme im Sinne der Vollendung gerungen hat, war das Bewundernswerte seines Künstlertums" (Dr.  L. Roselius im Weser-Kurier vom 2.12.1957).

Am 1. Dezember 1957, dem ersten Adventssonntag, stirbt Richard Liesche im 68. Lebensjahr an einem Schlaganfall. "Was ... (der Verstorbene) ... für die Musica sacra am Dom, in Bremen, in Deutschland und darüber hinaus getan hat, ist anderswo ausgesprochen und steht als Lebensleistung da. Über das hinaus aber bleibt in ungezählten Herzen dies ganz nahe Bild eines wahrhaft liebenswerten Menschen. Ist das nicht auch eine "Hinterlassenschaft", die man als köstlichen Schatz aufbewahren sollte?" (W. Dietsch in Zeitschrift "Einkehr" vom 22.12.1957).

Richard Liesche
Richard Liesche

Das "Interregnum" von Wilhelm Evers,
1957 - 1958

Nach Richard Liesches unerwartetem Tod kann die Arbeit des Domchores reibungslos und ohne Einbuße des hohen Ansehens weitergeführt werden: Es ist Wilhelm Evers, der seit 1945 als Organist und Repetitor des Domchores unter Liesche gewirkt hat. Geboren 1902 in Bremen, war Wilhelm Evers zunächst Lehrer. Er wurde von seinem Seminar-Musiklehrer Karl Seiffert 1920 dem Domorganisten Eduard Nößler als Schüler zugeführt und trat im Dom schon  seit 1921 als Continuospieler auf. Seit 1924 war Evers Organist in St. Stephani und leitete den 1934 gegründeten Stephani-Chor.
 Am Zweiten Weltkrieg muss Evers als Soldat teilnehmen. Als er 1945 aus der Kriegsgefangenschaft nach Bremen zurückkehrt, findet er durch seine seit 1930 bestehende Freundschaft mit Richard Liesche sofort eine Anstellung als Domorganist. Seit 1946 ist Evers hauptamtlich als Musiklehrer am Kippenberg-Gymnasium tätig, seit 1948 als Dozent an der Musikschule und von 1951 bis 1967 als Dozent und (seit 1961) Professor an der Pädagogischen Hochschule.

Während seiner Tätigkeit an der Stephani-Kirche hat sich Wilhelm Evers besonders für das Schaffen Max Regers eingesetzt, der in Bremen bis dahin kaum bekannt war. Danach macht er sich am Dom einen Namen als Bachinterpret und Leiter von Motetten und Kantaten des Thomaskantors, die er zusammen mit Richard Liesche in die Gottesdienste einbezieht, vor allem auch in den Domvespern an Sonnabend-Nachmittagen.

In der Zeit der schweren Erkrankung Richard Liesches und nach seinem Tod führt Wilhelm Evers den Domchor bis zum Dienstantritt Hans Heintzes am 1. August 1958 als Kantor. Das bedeutet für den Chor keine "Umstellung"; denn Wilhelm Evers arbeitet seit 1945 als Repetitor, ist auf Chorreisen dabei und vertritt Liesche oft bei den Proben. Während der Zeit des "Interregnums" probt Professor Wilhelm Evers folgende Motetten, Kantaten und Domchorkonzerte und bringt sie zur Aufführung:

    3O.9.1957   Chorkonzert zum Ausklang des
                      Bremischen Kirchenmusikfestes
    20.11.1957  Motette am Bußtag
    22.12.1957  Weihnachtsliederabend
    13.3.1958    Bach, Johannes-Passion
    4.5.1958      Radio-Gottesdienst:
                      Bach-Kantate 137 "Lobet den Herrn"
    31.5.1958    Sonderkonzert "Motette am Dom" (Sonnabend)
    28.8.1958    Motette mit unbekannten Bach-Kantaten
    29.11.1958  Bußtagskonzert

Wilhelm Evers leitet den Bremer Domchor völlig selbstverständlich und ohne Bruch von der Ära Liesche zu Hans Heintze über, weil für ihn die Musica sacra und die Liebe zum Bremer Domchor als Lebenswerk Richard Liesches über allem steht. Dafür gebührt ihm Dank. Er stirbt am 5. Oktober 1975, nachdem er noch bis 1973 Hans Heintze als Domorganist unterstützt hat.

Wilhelm Evers
Wilhelm Evers

Hans Heintze, 1958 - 1975

Unter der Überschrift "Hans Heintze kam, sah und siegte" berichten die Bremer Nachrichten am 23. März 1958 über die Motette vom 20. März 1958, in der Hans Heintze als Gast die Bach-Motette "Jesu, meine Freude" und von Kurt Hessenberg aus den 1947 komponierten Passionsliedern op. 42 "Herr Jesu, Deine Angst und Pein" als Bremer Erstaufführung dirigiert hatte. Zu zwei Orgelwerken Joh. Seb. Bachs hatte er von Max Reger die Orgelfantasie und Fuge D-moll auf der Sauer-Orgel gespielt. Daraufhin wurde Heintze in der Konventssitzung  vom 25. April 1958 als Nachfolger von Richard Liesche zum Kantor und Organist berufen. Das war übrigens nicht der erste Auftritt Heintzes im Dom: Schon am 21. September 1939 hatte er in der "Orgelstunde am Dom", dem Ersatz der Domchor-Motetten in den Sommermonaten, auf der Sauer-Orgel ein Konzert ebenfalls mit Werken von Joh. Seb. Bach und Max Reger gegeben. Das ist aber 1958 offensichtlich niemandem aufgefallen.

Mit Hans Heintze ist der erste Bremer als Domkantor in seine Heimatstadt zurückgekehrt. Hier war er am 4. Februar 1911 als Sohn des damaligen Pastors an der Hemelinger Kirche zur Welt gekommen. Nach dem Abitur am Alten Gymnasium studierte er in Leipzig im Fach Orgel bei Günter Ramin. Danach wurde er Organist und Kantor in Bad Oldesloe (1932), an der Sophienkirche in Dresden (1934) und als Nachfolger von Günter Ramin an der Thomaskirche in Leipzig (1940). Als Soldat kam Heintze erst spät aus russischer Gefangenschaft zurück. Danach wirkte er von 1949 bis 1957 an der Johanniskirche in Lüneburg. 1955 erhielt Heintze eine Professur an der Orgelklasse der Staatlichen Hochschule für Musik in Berlin, die er 1958 bei seiner Berufung nach Bremen zurückgab.

Es kann als "glückliche Fügung" (Fritz Piersig in Bremer Nachrichten 8.5.1958) angesehen werden, dass der 125. Geburtstag von Johannes Brahms (am 7.5.) und das 90jährige Jubiläum der Uraufführung des "Deutschen Requiems"  im Bremer Dom zusammenfallen und dass Hans Heintze gerade jetzt zum Domkantor ernannt wird. So ergibt es sich wie von selbst, dass diese Brahms'sche  "Trauermusik", die in der bremischen Musiktradition fest verwachsen ist und unter Richard Liesche das am häufigsten aufgeführte große Chorwerk war, jetzt unter Heintze mit dem Domchor dargeboten werden kann - ein wunderbarer "Einstieg" für den neuen Kantor, der als "schöne Rechtfertigung seiner Berufung" von der Presse gewürdigt wird.
So sehr Hans Heintze - auch als Orgelspieler - mit der Musik des Barock und vor allem Johann Sebastian Bachs verbunden ist und ihr als Kantor immer treu bleibt, so fördert er doch mit derselben Aufmerksamkeit - ebenso wie sein Vorgänger Liesche - moderne, d.h. lebende Komponisten. Während seiner ganzen Amtszeit  finden neuzeitliche kirchenmusikalische Werke für Chor, Orchester und Orgel einen festen Platz. Neben der "Psalmensinfonie" von Igor Strawinski, die am 29. Februar 1960 eine viel beachtete und hoch gelobte Wiedergabe im Dom erlebt,  oder einer Aufführung der "Glagolitischen Messe" von Leos Janacek kann das Bremer Konzertpublikum Werke von Paul Hindemith (Kantate "Apparebit repentina dies"), Luigi Dallapiccola ("Canti di Liberazione") und weiter von Nils Otto Raasted, Heinz Werner Zimmermann, Frank Martin, Krzysztof Penderecki, Györgi Ligeti sowie - schon fast zur Domchor-Tradition seit der Liesche-Ära zählend - von Karl Gerstberger und Ernst Pepping hören.

Selbstverständlich stehen die Aufführungen von Bach-Werken durch den Bremer Domchor bei Hans Heintze ganz oben. Die erste Stelle nimmt die Matthäus-Passion ein, dicht gefolgt von der Johannes-Passion. Die H-moll-Messe erreicht etwa dieselbe Zahl von Aufführungen. Es erübrigt sich fast von selbst, auch das Weihnachts-Oratorium, besonders die Kantaten I - III, zu erwähnen. Immer wieder, besonders bei festlichen Gottesdiensten, gelangen Bach-Kantaten zur Wiedergabe, einige sind auch auf Schallplatten eingespielt worden, so etwa die Kantaten Nr. 95 "Christus, der ist mein Leben" und Nr. 33 "Allein zu Dir, Herr Jesu Christ" (September 1962) wie auch die Motette "Der Geist hilft unsrer Schwachheit auf" (1963). Vom 16. Dezember 1973 bis zum 10. März 1974 bringt Hans Heintze an vier Sonntag-Abenden insgesamt zwölf Bach-Kantaten im Dom zur Aufführung.

Daneben gehört das "Deutsche Requiem" von Johannes Brahms zum "eisernen Bestand" des Domchores, ebenso wie die Bruckner-Motetten, das "Stabat mater" von Dvorak und das Verdi-Requiem. Aber auch Bruckners E-moll-Messe und Mozarts Requiem dürfen zu den Standard-Werken gezählt werden - mit letzterem beendet Hans Heintze am 22. November 1975 seine Tätigkeit am Bremer Dom.

Zu den herausragenden Chorkonzerten zählt das Oratorium "Samson", das Heintze während der "Händel-Tage in Bremen" zum 200. Todestag des Komponisten am 14. April 1959 im Großen Glockensaal zur Aufführung bringt. "Der Bremer Domchor erfüllte mit stimmlicher Pracht und Ausgewogenheit seine vielfältigen Aufgaben" (Weser-Kurier vom 16.4.1959). "Heintzes Aufführung hatte den großen Atem, dessen es bedarf, um die großartige Architektonik des Werkes zum  Tragen zu bringen ... Die stimmliche Frische und Elastizität des Chores war zeitweise von berückender Eindeutigkeit" (Bremer Nachrichten vom 16.4.1959). Einen Tag nach dem "Samson" folgt in der Motette im Dom das "Utrechter Tedeum" von Händel. Die Aufführung "war erfüllt von dem Bewusstsein, im Dienst an einem großartigen und unverdient vergessenen Werke zu stehen" (Bremer Nachrichten vom 18.4.1959).

Zu einem musikalischen Ereignis ersten Ranges wird die Wiedergabe der "Marienvesper" von Claudio Monteverdi, die in der von Radio Bremen veranstalteten Reihe "Pro musica antiqua" am 9. Oktober 1960 veranstaltet wird. Heintze hat die Aufführung lange vorher mit Akribie vorbereitet. Das 1610 am Übergang von der Renaissance zum Barock entstandene Werk hält damals noch erhebliche Schwierigkeiten bereit. Brauchbare Bearbeitungen zur Aufführungspraxis existieren nicht, und so hat Heintze in der  Orchesterbegleitung vieles geändert und umdisponiert, um es den heutigen Instrumenten und Klangfarben anzupassen. Ein Großteil des Notenmaterials muss neu geschrieben werden (und das ohne Hilfe des Computers!), und ich habe damals als Notenwart erlebt, wieviel Mühe und (Nacht-) Arbeit notwendig waren, um alle Noten für Chor-, Solisten- und Orchesterproben rechtzeitig fertigzustellen. Das Ergebnis dieses für damalige Zeiten ungewöhnlichen Musikerlebnisses konnte sich - auch nach Meinung der Kritiker - hören lassen: "Selten hat man den Domchor so schön singen hören" (Weser-Kurier vom 15.10.1960). "Heintze ... führte den Domchor und das ... Bremer Bach-Orchester zu einer überwältigenden und bewundernswerten Leistung" (Bremer  Nachrichten vom  15.10.1960).

Einladungen aus dem In- und Ausland führen den Bremer Domchor unter Hans Heintze neben Berlin, Ansbach, Hamburg und Wilhelmshaven nach Edinburgh, Amsterdam, Barcelona, Paris (insgesamt dreimal) und Avignon. In der Kritik einer französischen Tageszeitung heißt  es über Beethovens Missa solemnis, die der Domchor in der Basilika St. Denis gesungen hat: "Die sehr zahlreichen und jungen Zuhörer - mehr als 2000 Menschen drängten sich in der Basilika - waren gefangen genommen durch dieselbe Inbrunst, die die Ausführenden beseelte ... Diese Aufführung war eine der besten, die man in Paris seit langem hören konnte."

So wie Hans Heintze an sich selbst und seine musikalische Arbeit strenge Maßstäbe anlegt, so viel verlangt er auch von seinen Chorsängern. Zu den Proben erwartet er absolute Pünktlichkeit und ständige Konzentration. Im privaten Umgang zeichnet er sich durch besondere Liebenswürdigkeit aus; er nimmt Anteil an persönlichen Sorgen und Problemen. Bei Krankheit greift er zum Telefon, um gute Besserung zu wünschen. Muss ein Chormitglied ins Krankenhaus, gehört Heintze zu den ersten Besuchern. Als gläubiger Mensch nimmt er selbst innerlich an den Gottesdiensten teil. Die Aufteilung in zwei Halbchöre A und B bedeutet, dass jedes Chormitglied  jeden zweiten Sonntag zum Gottesdienst zu erscheinen hat. Wer sonntags nicht regelmäßig mitsingen kann (z.B. weil eine bewährte Mitsängerin mit ihrem Kind
regelmäßig zur Messe in die katholische Kirche gehen möchte), muss ausscheiden!
Denn der Domchor ist für Heintze in erster Linie ein Kirchenchor.

Mit viel pädagogischem Geschick führt Heintze die sonntäglichen Novizenchorproben (nach dem Gottesdienst) weiter, die er von seinem Vorgänger übernommen hat.  Die Arbeit mit den jugendlichen Sängerinnen und Sängern scheint ihm besonders viel Spaß zu machen. Gelegentlich tritt der Novizenchor mit eigenen Konzerten auf, etwa bei einem Freundschaftsfest für holländische Gasteltern im Überseeheim Lesum am 21.9.1958, mit der Bach-Kantate Nr. 61 und dem Magnificat von Dietrich Buxtehude bei einer Domvesper am 29.11.1958, mit der Bach-Kantate Nr. 159 bei einem Radio-Gottesdienst am 28.2.1960 oder während eines Wochenendausfluges zur Jugendherberge Birkenheide bei einem Gottesdienst in der Kirche in Ganderkesee am 28.6.1959 mit der Kantate "Alles, was ihr tut" von Dietrich Buxtehude (zusammen mit dem Domkammerorchester). Unvergeßlich bleibt dabei Heintzes Orgelspiel auf der historischen Arp-Schnitger-Orgel.

Neben den Verdiensten als Domkantor darf das virtuose Orgelspiel Hans Heintzes keinesfalls unerwähnt bleiben. Seine Bach-Interpretationen gelten bis heute als unerreicht. Dazu verweise ich auf den von Klaus BLUM (1975) durchgeführten "Blindtest", bei dem er aus 23 Aufnahmen der D-dur-Fuge (BWV 532) von den "berühmtesten Organisten der Gegenwart" Heintzes Fassung als "mitreißendste, virtuoseste" herausgefunden hat. Als großartige CD-Einspielungen sollen hier zwei Aufnahmen auf den Silbermann-Orgeln von Reinhardtsgrimma (J.G. Walther, J. Pachelbel) und Freiberg (J.L. Krebs, J. Pachelbel) genannt werden, die Hans Heintze auf einer DDR-Reise im September 1966 eingespielt hat. Aber auch eine ältere Schallplatten-Aufnahme soll hier aufgeführt werden: In der Archiv-Produktion der DGG spielt Heintze 1956 an der Orgel der Johanniskirche in Lüneburg Werke von Vincent Lübeck und Nicolaus Bruhns.

In der Silvesternacht 1975 gibt Hans Heintze auf der von ihm initiierten und geliebten Bach-Orgel im Nordschiff des Domes sein letztes Konzert und tritt damit in den wohlverdienten Ruhestand, der für den scheidenden Domkantor aber keineswegs einen Rückzug aus dem Musikleben Bremens bedeutet. So springt er schon zwölf Tage später für den plötzlich erkrankten Dirigenten Vaclav Neumann  im 6. Philharmonischen Konzert ein und leitet Bruckners "Neunte" und Mozarts Sinfonie KV 201. Ein Beifallsorkan entlädt sich nach dem Konzert, und viele Male muss Hans Heintze aufs Podium zurückkehren, um sich feiern zu lassen. Auch in Orgelkonzerten und bei Gottesdiensten in der Hansestadt und im Bremer Umland kann man den beliebten und bescheidenen Kirchenmusiker noch viele Jahre lang erleben. Am 5. März 2003 stirbt Hans Heintze im gesegneten Alter von 92 Jahren ganz unerwartet, nachdem er sich bis zuletzt einer erstaunlichen körperlichen und geistigen Frische erfreut hatte.

Hans Heintze
Hans Heintze

Wolfgang Helbich, 1976 - 2008

Zum 1. Januar 1976 wird Wolfgang Helbich als Nachfolger von Hans Heintze zum Domkantor gewählt. 1943 in Berlin geboren, studierte Helbich in Berlin und Detmold Schul- und Kirchenmusik, dazu Chor- und Orchesterleitung. Nach dem A-Wxamen ging er 1969 als Kantor nach Alsfeld (Hessen). Hier gründete er zwei Jahre später das Alsfelder Vokalensemble, mit dem er zahlreiche Auszeichnungen erringen konnte. 1972 wechselte Helbich nach (West-)Berlin, wo er als Kantor der Grundewald-Kirche die „Berliner Kantorei“ übernahm.

Einen Schwerpunkt in der Arbeit Wolfgang Helbichs bildet das Suchen, das Forschen nach alten Handschriften und Drucken von Werken heute in Vergessenheit geratener Komponisten. So stößt er in der Bremer Dombibliothek auf  einen Klavierauszug des Oratoriums "Jephta und seine Tochter" des zweiten Bremer Domkantors Carl Reinthaler, das - am 5. Mai 1855 in Elberfeld (Wuppertal) uraufgeführt - in Bremen mehrfach zu hören war, zuletzt 1892 unter Reinthalers Nachfolger Eduard Nößler. Die Partitur dieses Werkes war allerdings zunächst nicht auffindbar, und es bedurfte einigen Spürsinns, bevor Helbich diese in einer Bibliothek in Köln entdeckte, wo Reinthaler vor seiner Bremer Zeit am Konservatorium tätig gewesen war. Im November 1979 kann das Oratorium "Jephta" nach entsprechenden Vorbereitungen von Wolfgang Helbich im Bremer Dom zum ersten Mal wieder aufgeführt werden, danach noch einmal 1984 und 1997. Im Zusammenhang mit dieser letzten Aufführung wird das Werk bei dem Label "cpo" auf CD eingespielt. Auch Werke des österreichischen Komponisten Joseph Leopold Eybler (1765 - 1846) kann Helbich "ausgraben" und mit dem Domchor in deutschen Erstaufführungen zu neuem Leben erwecken, etwa die Motetten "De profundis clamavi" und "Libera me"; auch das Oratorium "Die Hirten bei der Krippe" und die "Missa solemnis D-Dur St. Wolfgangii" von Eybler gelangen im Bremer Dom zur Wiederaufführung.

Eine "Erfindung" Wolfgang Helbichs sind die sogenannten "Nächte" mit Werken eines einzelnen Komponisten, die vom Domchor zusammen mit Kammer- und Orchestermusikern, Solisten, Liedinterpreten und Organisten an verschiedenen Aufführungsorten im Dom (Orgelempore, Altarraum, Nordschiff, Ostchortreppe) präsentiert werden. Die Zuhörer erleben die Musik von verschiedenen Plätzen aus - im Sitzen, Stehen oder "Lustwandeln". Auf diese Weise bleiben die bis gegen Mitternacht sich ausdehnenden Nächte abwechlungsreich, interessant und beweglich - sowohl für die Ausführenden wie auch für das Publikum, das immer zwischen 1000 und 1600 Zuhörer umfasst. Seit August 1983 haben bis zum Mozart-Jahr 2006 vierzehn Nächte stattgefunden, darunter je drei für Joh. Seb. Bach und Mozart, je zwei für Brahms und Beethoven und je eine Nacht für Händel, Mendelssohn-Bartholdy, Schubert und Bruckner.

Ein Jahre lang war Wolfgang Helbich Professor für Chorarbeit an der Musikhochschule Saarbrücken, und er war Honorarprofessor für das Fach Chorleitung im Studiengang Kirchenmusik an der Bremer Hochschule für Künste. Auch als "einer der aussichtsreichsten Kandidaten" um die Nachfolge von Karl Richter in der Leitung des Münchener Bachchores wurde er gehandelt, zog seine Kandidatur aber zugunsten des Bremer Domkantorats zurück. Dafür sei "die große Selbständigkeit des Arbeitens am Dom ein starkes Argument für sein Bleiben in Bremen gewesen" (WK vom 19.11.1983), wozu sicher auch die Möglichkeit zählt, neben  dem Bremer Domchor mit dem Alsfelder Vokalensemble und dem Chor des Musikvereins der Stadt Bielefeld arbeiten zu können.

Dreißig Jahre Zusammenarbeit von Wolfgang Helbich mit dem Bremer Domchor bilden einen repräsentativen Querschnitt durch die Chormusik am St. Petri-Dom. Die Übersicht über die Konzertprogramme zeigt einen deutlichen Schwerpunkt bei Joh. Seb. Bach auf: Weihnachts-Oratorium sowie Matthäus- und Johannes-Passion stehen an der Spitze, auch die H-moll-Messe folgt dicht auf. Erstaunlich will es dem Chronisten scheinen, dass immerhin 47mal Kantaten zur Aufführung gelangten, während nur 22mal Motetten gesungen wurden.

Wenn auch das "Deutsche Requiem" von Johannes Brahms eine besonders enge Beziehung zum Bremer Dom hat, so erscheint es doch nur in jedem dritten Jahr auf den Konzertprogrammen , dicht gefolgt von Mozarts Requiem und Beethovens
C-Dur-Messe. Gleichauf folgen Händels "Messias", Haydns "Schöpfung" und das Verdi-Requiem. Auch Felix Mendelssohn-Bartholdy liegt mit insgesamt acht Aufführungen von "Paulus", "Elias" und "Christus" auf einem der vorderen Plätze, während Dvorak mit Requiem und "Stabat Mater" und Bruckner mit den Messen in
e-Moll  und f-Moll je fünfmal vertreten sind. Monteverdis "Marienvesper" und Schuberts Messe B-Dur erscheinen dreimal, Reinthalers "Jephta" sogar viermal. Besondere Erwähnung verdient an dieser Stelle auch eine Aufführung der "Missa solemnis" von Beethoven.

Als markante Kompositionen der jüngsten Zeit tauchen drei Werke auf: Strawinskis "Psalmensinfonie", die bereits Hans Heintze für den Domchor erschlossen hatte, mit zwei Aufführungen und in einer eindrucksvollen Wiedergabe zum 60. Jahrestag des Kriegsendes in Bremen das "War-Requiem" von Benjamin Britten. Zu einem besonderen Ereignis wurde auch die deutsche Erstaufführung des "Miserere" in Anwesenheit des estnischen Komponisten Arvo Pärt während des 2. Bremer Musikfestes am 11.9.1991. "Pärt wandert hier als Grenzgänger zwischen Alt und Neu, versucht das, was immer schon galt, zu verbinden mit dem, was heute, unter gewandelten Bedingungen zu Reflexion und künstlerischer Umsetzung herausfordert. Diese Intention, von den Solisten des 'Hilliard Ensemble' (denen das Werk gewidmet wurde), dem Domchor und den Instrumentalisten in einer Weise verkörpert, wie es nicht dienlicher, nicht perfekter, nicht gültiger sein konnte, weckte im Hörer große Betroffenheit ..." (BOSSE 1991).

Eine wichtige Bedeutung nehmen die Konzertreisen ein, die der Bremer Domchor unter seinem Kantor Helbich unternommen hat. Sie tragen den Namen und das Ansehen des Chores hinaus in unser Land, innerhalb Europas, aber auch weit darüber hinaus. Durchschnittlich steht in jedem Jahr eine Reise an. Davon erstrecken sich etwa ein Drittel auf Inlandsreisen, die Hamburg, Hildesheim,
Wernigerode, Loccum, Kassel, Bleckede, Berlin, Neubrandenburg und Frankfurt/Oder umfassen. Zwei Drittel der Reiseziele liegen zumeist im europäischen Ausland. Dabei ragt Frankreich mit neun Reisen deutlich heraus, wobei die südfranzösische Stadt Brive (Dép. Corrèze) einen Konzertschwerpunkt bildet.  Als osteuropäische Ziele dienen das alte Jugoslawien, Bosnien, zweimal Ungarn (einschließlich Wien) und Polen. Im Süden bilden Italien und im außereuropäischen Bereich Israel und die Türkei musikalische Anlaufpunkte. Im März 1994 bildet ein "Überflug" in die USA einen der Höhepunkte der Domchor-Geschichte. An 14 Reisetagen steht sechsmal Bachs Johannes-Passion auf dem Programm, in New York, in Cambridge an der berühmten Harvard-Universität, in Washington, Hanover und Allentown.

Wolfgang Helbich
Wolfgang Helbich

Tobias Gravenhorst – seit 2008

Am 15. Oktober 2008 begann Dr. Tobias Gravenhorst, der 1962 in Bochum geboren wurde, seine Arbeit als Kantor am Bremer Dom. Seine Ausbildung umfasste das Studium der Kirchenmusik in Frankfurt/Main mit Abschluss des A-Examens, das Orgel-Solistien-Diplom in der Meisterklasse der Musikakademie in Basel, danach das Studium der Geschichte und Musikwissenschaft, das er mit der Promotion beendete („Proportion und Allegorie in der Musik des Hochbarock. Untersuchungen zur Zahlenmystik des 17. Jahrhunderts“). Seit 1994 war Gravenhorst als Kantor an der Bachkirche St. Michaelis in Lüneburg und als Kreiskantor tätig. Als Chorleiter und Organist trat er auch immer wieder im Ausland auf; es entstanden zahlreiche Rundfunk- und CD-Aufnahmen.

In seinem ersten Jahr am Bremer Dom führte er die große Tradition der Dommusik weiter. Dabei setzte er neue Schwerpunkte bei der inhaltlichen Konzeption der Konzertprogramme, bei Erweiterung des Repertoires in die Moderne. So kombinierte er bereits in seinem Antrittskonzert das Requiem von Mozart mit den Requiem Cantitcles, einem Spätwerk von Stravinsky und die Aufführung der Letzten sieben Worte von Joseph Haydn mit den aktualisierenden Texten von Walther Jens. Im Rahmen des Kirchentages 2009 fand die Uraufführung der dem Bremer Domchor gewidmeten Kantate Adonai von Otfried Büsing statt. Die „Nächte“, die Wolfgang Helbich eingeführt hat, werden weitergeführt, jedoch werden sie nicht mehr einem Komponisten gewidmet, sondern einem Thema. Die erste Nacht unter Leitung von Tobias Gravenhorst fand am 25.9.09 statt und war der Heiligen Cäcilie, der Schutzheiligen der Musik, gewidmet. Wie seine Vorgänger sieht Tobias Gravenhorst den Gottesdienst als das Zentrum des kirchenmusikalischen Geschehens an.

Tobias Gravenhorst
Tobias Gravenhorst

Quellen

Klaus Blum, Hundert Jahre Ein deutsches Requiem von
Johannes Brahms (Tutzing 1971)
Klaus Blum, Musikfreunde und Musici, Musikleben in Bremen
seit der Aufklärung (Tutzing 1975)
Klaus Blum, 1200 Jahre Kirchenmusik in Bremen.
1000 Jahre Musik nach Noten (Hospitium Ecclesiae
Bd. 15/1987, S. 9 - 28)
Edda Bosse, Deutsche Erstaufführung des 'Miserere' von
Arvo Pärt im St. Petri-Dom (Domnachrichten Nr. 1/1991)
Walter Dietsch, Der Bremer Domchor 1856 - 1956 (Bremen 1956)
Walter Dietsch, Der Dom St. Petri zu Bremen,
Geschichte und Kunst (Bremen 1978)
Wilhelm Evers, Der Bremer Domchor. Seine Geschichte
und seine Bedeutung (5 Folgen in Domnachrichten Nr. 9/Nov. 1949 - Nr. 3/März 1950)
Gerhard Harms, Arische Weihen für J.S.Bach
(taz Bremen 2.5.2005)
Eduard Nößler, Der Domchor zu Bremen, Eine Denkschrift
zur Feier seines 50jährigen Bestehens (Bremen 1907)
Fritz Piersig und Richard Liesche, Die Orgeln
im Bremer Dom (Bremen 1939)
Fritz Piersig, In memoriam Eduard Nößler, Zum 100. Geburtstag
des Domkantors (Bremer Nachrichten 26.3.1963)
Thomas Schäfer, Chöre in Bremen (Bremen  1998)
Oliver Schwarz-Roosmann, Carl Martin Reinthaler,
Lebensweg eines Bremer Musikdirektors (Münster 2003)

Danksagungen

ein herzlicher Dank geht an

Herrn Heinz BÖMERS
Herrn Pastor i.R. Dr. Walter DIETSCH (verst. 2009)
Herrn Prof. Dr. Frithjof HAAS, Karlsruhe,
Herrn Detlef KLANKE, Chorbruder und Mitarbeiter im Staatsarchiv Bremen,
Frau Else LIESCHE
Herrn Michael WERBECK, ausgeschiedener Chorbruder
Verschiedene ehemalige Domchor-Mitglieder für ihre Bereitwilligkeit zu ausführlichen Gesprächen über die Kriegsjahre im Domchor, u.a.
Frau Renate EHLERDING
Frau Ilse KÜNZEL
Herrn Reinhard STEINFELD